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Green IT ist derzeit ein viel diskutiertes Thema durch alle Branchen hinweg. Der Begriff ist gleichzeitig Schlagwort, Synonym und Fragestellung rund um die ökologischen Auswirkungen der Nutzung von Computern, Servern und des Internets. Damit einhergehend werden die Themen Stromverbrauch, CO2-Ausstoß, Kosten, Umweltverschmutzung und Ressourcenverknappung diskutiert. Die ökologischen Aspekte fließen mittlerweile auch in die Logistik ein. Hier gibt es Ansätze, um den Stromverbrauch und damit einhergehend CO2-Emissionen in Datenzentren zu verringern. myLogistics sprach mit Holger Schmitt, Vorstand der Frankenthaler AXIT AG, über die Herausforderungen in der 'grünen' IT und über den ökologisch sinnvollen Einsatz der internetbasierten Logistikplattform AX4.
myLogistics: Herr Schmitt, Green IT ist in aller Munde. Es werden Innovationspreise für Green IT verliehen, Studien und Gutachten verfasst, für die diesjährige Cebit war es das Top Thema. Welche Bedeutung hat Ihres Erachtens die IT ganz allgemein für die Logistik?
Holger Schmitt: Die Informationstechnologie ist das Instrument, um Kommunikation zu automatisieren, um sie effizient und transparent zu machen. Kommunikation ist in der Logistik unerlässlich. In kaum einer anderen Branche werden soviel Daten 'transportiert', sei es über das Telefon, via Fax, per Post oder über das Internet. Logistiknetzwerke werden immer komplexer, die logistischen Systeme immer ausgefeilter. Daher ist IT ein Muss für den Logistikdienstleister und auch für den SupplyChain-Manager auf Verladerseite. IT ist das Tool zur Vereinfachung der Kommunikation und reduziert deren Komplexität.
myLogistics: Das heißt auch, die Logistik muss investieren und die IT weiterhin ausbauen?
Holger Schmitt: Ja. Es sollte zumindest eine Anpassung an ‚State-of-the-art’ Systemlandschaften erfolgen, um mit dem Wettbewerb mithalten zu können. Und wenn dies geschieht, sollte so eine Veränderung gut geplant sein. Es ist weder aus Kostensicht noch aus ökologischen Gründen sinnvoll, wenn jedes Unternehmen für sich alleine entwickelt und investiert und immer wieder das Rad neu erfindet. Outsourcing ist meines Erachtens eine gute Möglichkeit, um kostensparend und gleichzeitig umweltfreundlich zu agieren.
myLogistics: Können Sie ein Beispiel für Outsourcing nennen?
Holger Schmitt: Schon um den Anforderungen der Globalisierung nach mehr Vernetzung gerecht zu werden, ist es sinnvoll, zentrale IT-Lösungen und Plattformen zu nutzen. Die Alternative, dass nämlich jeder große Logistikdienstleister seine eigenen Systeme zur externen Vernetzung mit den Supply-Chain-Partnern aufbaut, ist allein deshalb schon wenig effizient, weil die IT-Anforderungen an Prozessunterstützung und Supply-Chain-Management in allen Branchen der Logistik ähnlich sind (Automotive, Elektrotechnik, Maschinenbau...) und auch, weil viele User einer Plattform die Entwicklung derselben schneller vorantreiben, als es ein einzelner Logistikdienstleister für sich leisten kann. Vielfältige Erfahrungen zum Aufbau komplexer IT/SCM Lösungen können genutzt werden. So muss nicht jeder die selben Anlaufprobleme und Kinderkrankheiten durchlaufen. Schließlich ist eine Plattform günstiger, bietet mehr Lösungen und ist in der Regel schneller realisierbar als ein selbst entwickeltes System. Für große und kleine Unternehmen gleichermaßen gilt der Grundsatz, dass durch Outsourcing eine effiziente Nutzung von IT-Hardware gewährleistet ist und daher eine wesentliche Voraussetzung für eine Grüne IT darstellt.
myLogistics: In Deutschland erzeugen die rund 50.000 Rechenzentren 5,6 Millionen Tonnen Abgase – um ihren Energiebedarf zu decken sind 3 Atomkraftwerke nötig. Der auf die IT und Unterhaltungselektronik entfallende Strombedarf liegt bei uns derzeit bei ungefähr acht Prozent des gesamten Stromverbrauchs. Weltweit entfallen zwei Prozent des CO2-Ausstoßes auf IT und Telekommunikation – genauso viel wie auf den Luftverkehr. Ist daher ein ökölogischer Sinneswandel nicht längst überfällig?
Holger Schmitt: Aus einer aktuellen Studie von A.T. Kearney geht sogar hervor, dass ohne entsprechende Gegenmaßnahmen der durch die Unternehmens-IT verursachte CO2-Ausstoß pro Jahr in Deutschland bis 2020 um 60 Prozent auf 31 Millionen Tonnen ansteigen wird. Unternehmen könnten durch IT-gestützte Innovationen ihre gesamte Energiebilanz nachhaltig verbessern. Dies gelte ganz besonders für die Produktion und Logistik energieintensiver Branchen wie beispielsweise Stahl und Chemie. Deshalb ist ein Sinneswandel überfällig. Aber auch allein schon kostengetriebenes Kalkül sollte Green IT zugrunde liegen. Ich bin davon überzeugt, dass sich für Unternehmen der Umstieg auf Energieeffizienz in kurzer Zeit in barer Münze auszahlen kann. Zudem punkten die Anbieter mit umweltfreundlichem Image, was mittlerweile ein nicht zu verachtender Wettbewerbsfaktor ist.
myLogistics: Nun kommen Sie aus der IT-Branche und sind Anbieter einer webbasierten Logistikplattform. Daher müsste ja speziell für Ihr Unternehmen das Thema Green IT eine besondere Rolle spielen. Ist das richtig?
"Mit einer Plattform nutzt der Kunde
'einen' Platz auf der Datenbank,
den er sich mit vielen anderen teilt."
Holger Schmitt: Selbstverständlich, es spielt sogar eine große Rolle. AX4 ist eine Plattform, die von derzeit ca. 8.000 Verladern und Logistikdienstleistern mit über 28.000 Firmen-Accounts zum weltweiten Austausch von Daten genutzt wird. Um diesen Betrieb zu gewährleisten, betreibt AXIT rund 60 Server in zwei Rechenzentren. Ein Server produziert ca. ebensoviel CO2 wie ein SUV (Sport Utility Vehicle, Geländewagen) – da wird einem recht schnell transparent, was dies bedeutet. Keiner würde sein Auto permanent laufen lassen, wenn er es nicht benötigt. Bei IT-Servern geht jedoch jeder davon aus, dass diese immer unter Volllast laufen müssen. Die Einsparung von Stromkosten durch die Nutzung weniger Server von vielen Anwendern ist auch deswegen Teil unseres Geschäftsmodells. Stellen Sie sich nur mal vor, was es in ‚Umwelt’-Zahlen heißen würde, wenn jede dieser 8.000 Firmen eigene Server betreiben würde. Mit einer Plattform verzichtet der Kunde auf seine eigene Infrastruktur und nutzt einen bestimmten Platz auf der Datenbank, den er sich mit vielen anderen teilt. Gleichzeitig hat er kein Risiko, dass sein "Platz" zu eng werden könnte, da das System skalierbar ist. Dieser Ansatz, nur das zu nutzen, was man momentan auch tatsächlich an Platten/Speicherkapazität braucht, geht nur mit einer Plattform-Lösung. Würde sich der Kunde ein eigenes System hinstellen, dann wäre unter Umständen sein System zu Beginn nur zu 20 Prozent ausgelastet, er müsste dennoch 100 Prozent der benötigten Server bei sich implementieren. Das schließt natürlich auch 100 Prozent des möglichen CO2-Ausstoß ein, wo doch eigentlich nur 20 Prozent benötigt würden.
myLogistics: Sie meinen der Einsatz „Einer“ Plattform für „Alle“ ist ökologisch sinnvoll?
Holger Schmitt: Ja, sicher. Ich bin davon überzeugt, dass wir mit unserer Plattform Green-IT betreiben, auch wenn sich das zunächst paradox anhört. PCs und die Nutzung des Internets haben sich zu einem bedeutenden Energieverbraucher entwickelt. Gleichzeitig werden sie aber auch in starkem Maße zum Einsparen von Energie genutzt. Es gilt, diese beiden Faktoren gegeneinander aufzurechnen. Zwar ist einerseits die global steigende Nutzung internetbasierter Dienste – auch unsere Logistikplattform AX4 – ein starker Treiber für den Anstieg des weltweiten Stromverbrauchs von Rechenzentren und somit von erhöhten CO2-Werten. Andererseits ist die Konsolidierung von Servern aber eine geeignete Maßnahme, um die Energieeffizienz zu steigern. Aufs Kleinste heruntergebrochen gehören hierzu auch zum Beispiel eine verbesserte Kommunikation und daraus resultierend zum Beispiel weniger Papierausdrucke, weniger Telefonate, Postsendungen, etc. In der Logistik bedeutet eine effektive Steuerung der Filial- und Zentrallagerbelieferung und der lokalen Beschaffung definitiv weniger Verkehr und ergo weniger Schadstoffausstoß. Zudem trägt die IT mit der Bereitstellung von Plattformen dazu bei, vorhandene Frachtkapazitäten besser auszulasten - insofern sparen internetbasierte Plattformen letztlich an anderer Stelle mehr ein, als sie selbst verbrauchen. Es ist allerdings schwer, diese Einsparungen zu errechnen. Kaum ein Unternehmen gibt Zahlen bekannt.

"Die Konsolidierung von Servern ist
eine geeignete Maßnahme, um die
Energieeffizienz zu steigern."
myLogistics: Spielte der ökologische Aspekt bei der Entwicklung Ihrer Plattform schon von Anfang an eine Rolle?
Holger Schmitt: Der Grundgedanke war in erster Linie, eine Lösung zu finden, um die Supply Chain effizienter und kostengünstiger zu machen. Dass wir mit der Erarbeitung einer shared-platform-Lösung von Anfang an auch auf einem ökologisch richtigen Weg waren, ist ein glücklicher Begleitumstand, den wir sehr schätzen. Diesen wollen wir nun natürlich weiter ausbauen und verfolgen.
myLogistics: Wie stellen Sie sich diesen Ausbau vor?
Holger Schmitt: Es reicht nicht mehr aus, nur darauf zu achten, stromsparende Server zu kaufen. Bei uns wird inzwischen die gesamte Systemarchitektur auf den Prüfstand gestellt. Bereits in der Entwicklung von AX4 wird jetzt darauf geachtet, nicht mehr per Se davon auszugehen, dass sowieso genügend Ressourcen zur Verfügung stehen. Der ressourcenschonende Umgang schont letztendlich auch die Budgets für die reinen Hardwareinvestitionen und kann so in bessere Funktionalität in AX4 investiert werden. Konkret kann ich bereits die Einsparung von Servern nennen. Aktuell haben wir zum Beispiel allein ca. 32.000 AX4 Anwender an unsere Plattform AX4 angebunden. Für den redundanten und sicheren Betrieb von AX4 benötigen wir derzeit 60 Server. Würde jeder eine eigene etwas abgespeckte Lösung verfolgen, würden dafür ein Vielfaches an Rechnern benötigt. Der CO2 Ausstoß läge somit deutlich höher, als der Betrieb von AX4 als Plattform derzeit benötigt. Darüber hinaus gilt es die Einsparungen zu berechnen, die als „Nebenprodukt“ erfolgen und meines Erachtens den weitaus größeren Posten ausmachen: Weniger Leerfahrten, weniger Papierausdrucke etc., wie zuvor schon aufgezählt. Daran wollen wir arbeiten.
myLogistics: Herr Schmitt noch mal zusammenfassend zum Schluss, welchen Stellenwert hat für Sie ’Green IT’?
Holger Schmitt: Ich halte es mit der Definition von A.T. Kearney: Green IT bedeutet eine konsequente Umsetzung von Energiesparkonzepten wie: 1. Reduktion von Servern durch die Harmonisierung von Anwendungen. Das wäre schon in etwa eine Halbierung des CO2- Ausstoßes. 2. Bessere Auslastung von Servern, da sie durchschnittlich nur weniger als ein Drittel ausgelastet sind, würde dies allein in Deutschland eine Reduzierung des CO2-Ausstoßes um etwa fünf Millionen Tonnen pro Jahr bedeuten. 3. Einsatz energieeffizienter Hardware und 4. Auslagern von Hardware und Betrieb an energieeffiziente Dienstleister. Durch diese Maßnahmen ließe sich der CO2-Ausstoß um weitere 4 Millionen Tonnen pro Jahr reduzieren.
Holger Schmitt
Holger Schmitt, Jahrgang 1964, ist Vorstand und Mitgründer der der AXIT AG, Frankenthal und der AXIT Sp. z o.o., Breslau.
Nach dem Studium der Betriebswirtschaftlehre in München und Mannheim war Holger Schmitt seit 1990 in verschiedenen Funktionen bei der Rhenus AG Dortmund, tätig. 1996 wechselte er in den Vorstand einer mittelständischen IT-Systemhausgruppe in Mannheim und verließ das Unternehmen 1999, um die AXIT AG zu gründen.
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